– Leseprobe

Inhalt
Roger Willemsen: Vorwort ................................ 7
Theodor Fontane: Das Trauerspiel von Afghanistan ........ 11
Brief eines Oberstabsarztes: Sie wollen Hilfe bringen,
und sie sterben  ...................................... 13
Heike Groos: Was haben wir bewirkt? Warum dieses Buch
notwendig ist ........................................ 15
Matthias Hüfler: Eine großangelegte Operation  .............. 34
Daniel Süßner: »Nicht, dass du jetzt in den Krieg musst!«  ..... 44
Andrea Beljo: Heute leben wir von unseren Erinnerungen  .... 56
Clemens Konitz: Polizeiausbildung in Afghanistan ............ 66
Jürgen Heiducoff: Begegnungen, Erlebnisse, Gedanken ........ 82
Markus Mielke: Ein Abenteuer, verbunden mit
etwas Gutem  ........................................ 98
Sven Dirks: Idealismus ist ja schön …  ..................... 110
Mirko Guzvic: Allein mit den eigenen Gedanken ............. 118
Katrin Fiedler-Macht: Emotionaler Ausnahmezustand .......... 124
Kerstin Laszkowski: Körperliche und seelische Unversehrtheit.
Beobachtungen einer Mutter  .......................... 132
Yves Laszkowski: Meine Zeit nach dem Auslandseinsatz ....... 137
Margot Hellwig: Eine Begegnung und eine Erinnerung ........ 144
Jan Hackstein: Der verantwortungsbewusste Soldat  .......... 148
Christian Neumann: Bewaffneter Konflikt und
humanitärer Auftrag  ................................. 158
Matthew P. Hoh: US-Diplomat kündigt
»Ich habe kein Verständnis mehr« ...................... 164
Karsta Peters: Gedanken und Ängste einer Mutter ........... 170
Marco Helmer: Mein Einsatz im Kosovo  .................... 176
Heike Groos: Ein Krieg, der offiziell keiner ist
Nachbemerkung ..................................... 187
Brief einer Soldatin: Es muss irgendwie weitergehen ........... 204
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Brief eines Oberstabsarztes

Sie wollen Hilfe bringen, und sie sterben

Liebe Heike,

ich habe mir für Dein Buch ein paar Gedanken gemacht. Viel-

leicht kannst Du sie verwenden.

Es war kein guter Tag zum Sterben. Die Sonne schien hell, und

es war sehr warm an jenem Pfingstsamstag 2003. Der Alltag im

Feldlazarett im Camp Warehouse in Kabul hatte ruhig begonnen,

fast wie zu Hause, es war Wochenende. Und wer wollte an so

einem Tag auch krank sein. Die Stille wurde jäh von einer Mel-

dung gestört, die uns aus der Ruhe der vergangenen Wochen riss:

Anschlag auf einen ISAF-Bus, über 30 Verletzte, Zahl der Toten

unklar. Die Vorbereitungen zur Aufnahme und Behandlung der

Verwundeten wurden getroffen, neben den Ärzten des Feld-

lazaretts fanden sich viele weitere Ärzte ein. Aufgaben wurden

besprochen und Verbandsmaterial, Infusionen aus den Lager-

beständen herangeholt und verteilt. Die Telefonverbindungen in

die Heimat wurden eingestellt. Routine, hieß es.

Dann kam das erste gepanzerte Sanitätsfahrzeug und brach-

te den ersten Schwerverwundeten. Er trug die gleiche Uniform

wie ich, wie die meisten von uns, die kleine schwarzrotgoldene

Flagge war nur rot, und in einem Hosenbein fehlte das Bein, das

Gesicht, in das ich sah, war nicht mehr vorhanden, es steckte ein

Schlauch zur Beatmung in dem, was einmal ein Mund gewesen

war. Die nachfolgenden Fahrzeuge spien aus ihren eisernen

Mündern weitere Verwundete aus, mit blutigen Bandagen, ver-

störten Gesichtern.

Ein kleiner Afghane in schmutziger graubrauner Kleidung war

auch dabei, auch er war von der Detonation der Bombe erfasst

worden, auch ihm wollten wir helfen. Und er starb, umgeben von

Menschen, die seinem Land Hilfe bringen wollten und nun hier

verwundet lagen und mit ihm starben. In den Gängen, den Be-

handlungsräumen und auf den Tragen färbte ihr Blut die weißen

Bandagen, draußen tauchte eine klare Sonne am Mittagshimmel

das Lager in freundliche Farben, und die Berge in der Ferne

schienen so nah wie der Himmel.

Und es war kein guter Tag zum Sterben, er ist es nie.

Liebe Heike, diese persönlichen Gedanken sollen keinesfalls

Deinen Buchtitel konterkarieren. Meine Zeit hier in Afghanis-

tan geht dem Ende entgegen, es gibt kein weinendes und kein

lachendes Auge. Es gibt einen Schluss und ein Weiterleben in der

alten Welt.

Lebe in Deiner und werde heil.

Gottes Segen für Dich und Deine Familie im neuen Jahr 2010.

Dein …

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Splitter

Der wirkliche Krieg findet niemals Eingang in die Bücher.

Walt Whitman

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Andrea Beljo

Heute leben wir von unseren Erinnerungen

Mein Name ist Andrea Beljo, ich bin verwitwet und Mutter

zweier Kinder, elf und sieben Jahre. Mein Mann Andrejas starb

am 7. Juni 2003 bei dem Selbstmordanschlag auf den Bundes-

wehrbus in Kabul.

Es war sein fünfter Einsatz in fünf Jahren. Er war vor diesem

Einsatz in Afghanistan viermal auf dem Balkan gewesen. Andre-

jas ist in Deutschland geboren und deutschsprachig aufgewach-

sen, doch seine Eltern sind bosnische Kroaten.

Er war im Januar 2002 aus einem Einsatz gerade wiederge-

kommen, als wir anfingen, zu Hause anzubauen. Unsere Tochter

wurde im Sommer 2002 geboren, und Andrejas konnte nur am

Wochenende nach Hause kommen. Er hatte die Ausbildung zum

Offiziersanwärter angefangen und wurde nach Frankenberg / Eder

versetzt.

Als er irgendwann nach Hause kam und erzählte, dass für ihn

eine Auslandsverwendung in Afghanistan ansteht, weil er diese

brauchte für seine Ausbildung, war das Entsetzen meinerseits

groß. Er war doch gerade erst zurückgekommen, jetzt sollte er

schon wieder fort? Wie sollte ich das alles schaffen, der Bau, die

Kinder, die alleinige Verantwortung?

Er machte noch Witze darüber, dass sein Chef ihn eigentlich

schon über Weihnachten eingeplant hatte, und er ihm dann zu

verstehen gegeben habe, dass er gehen würde – und nur, wenn

sein Chef mir das erklären würde … Schließlich wäre er das letzt

obwohl er mich nicht kannte: »Nein, mit Ihrer Frau lege ich mich

nicht an!«

Wir heirateten im Februar 2003 noch kirchlich und ließen

unsere Tochter taufen. Im März ging es dann für Andrejas nach

Kabul.

In diesen 3½ Monaten Einsatz passierte so viel! Wir waren

alle nervös und teilweise panisch. Wir erfuhren in den Nach-

richten von Raketeneinschlägen, Selbstmordanschlägen und To-

ten. Nach dem Flugzeugabsturz der Spanier war Andrejas sehr

betroffen. Er erzählte mir am Telefon: »Wir haben mit den Spa-

niern noch Abschied gefeiert, und jetzt sind sie tot. Die armen

Familien.«

Ich hatte an diesem Tag auch nichts Positives zu berichten. Sein

Kumpel hatte einen schweren Arbeitsunfall, so schlimm, dass er

ab da mit dem Rollstuhl leben musste. Andrejas konnte es nicht

fassen und wäre am liebsten zu ihm ins Krankenhaus gefahren.

Wenn wir die Möglichkeit bekamen zu telefonieren, emp-

fand ich Andrejas’ Stimmung meist gut, doch die Anspannung

auf beiden Seiten ließ sich nicht leugnen. Er rief auch immer an,

wenn wieder einmal etwas passiert war, um ein Lebenszeichen

von sich zu geben. Er wusste, dass ich es ja doch mitbekomme

und keine Ruhe hätte, bis ich seine Stimme hören durfte!

Dieser Einsatz war vom ersten Tag an anders. Ich hatte Angst,

das erste Mal richtig Angst. Ich konnte nachts nicht schlafen, ob-

wohl ich mich tagsüber um unsere Kinder kümmerte und auf

unserem Rohbau arbeitete. Ich habe Tapezieren gelernt und auch

das Verlegen von Laminatboden. Mit diesen Tätigkeiten habe ich

mich abzulenken versucht.

Mir gingen die Bilder nicht aus dem Kopf, wie Andrejas sich

von uns und vor allem von Justin, unserem Ältesten, verabschie-

det hatte. Er weinte, drückte den kleinen Mann und sprach ihm

Mut und Verantwortung zu. »Engel, du musst jetzt tapfer sein, du

bist jetzt der Mann im Haus, pass auf Mama und Marina auf! Sei

schön lieb, ich komm bald wieder!«

Ich habe Andrejas noch nie so mit seinen Gefühlen kämpfen

sehen.

Am Abend vor der Heimkehr, am Abend vor dem Attentat

klingelte das Telefon. Ich war verblüfft, als ich Andrejas’ Stimme

am anderen Ende hörte. Denn eigentlich wollte er sich nur mel-

den, wenn sich mit dem Flieger etwas änderte. Ich fragte sofort:

»Ist was passiert, oder kommst du doch nicht? Ist der Flug ver-

schoben?« Er schrie voller Freude: »Nein, ich wollte nur noch

mal deine Stimme hören. Ich komme nach Hause, Klamotten

sind gepackt! Morgen früh geht’s los!«

Ich fragte noch, wie die Lage im Land ist, und er sagte etwas,

was ich niemals vergessen werde: »Es ist ruhig. Zu ruhig. Das ist

die Ruhe vor dem Sturm!«

Ich sollte erst am nächsten Tag erfahren, welche Auswirkungen

ein solcher Sturm haben konnte.

Der Priester und ein Mann in Uniform

Es war Pfingstsamstag, sechs Uhr in der Früh, unsere Nacht war

zu Ende. Unsere Tochter schrie wie am Spieß und ließ sich nicht

beruhigen. Ich hatte sie noch nie so erlebt, denn eigentlich schlief

sie gut und ausgiebig. Irgendwann, nach langem Hin und Her,

schlief sie wieder ein. Ich blieb wach und nutzte die Zeit, um ei-

nen Einkaufszettel zu schreiben für die geplante Willkommens-

party mit 25 Leuten. Nach dem Frühstück fing ich mit meinen

Besorgungen an. Als ich alles hatte und noch das Auto gewaschen

hatte, klingelte das Telefon. Eine Stimme schrie ins Telefon: »Sag,

dass es ihm gut geht! Sag, dass es ihm gut geht!«

Ich war so erschrocken und wusste überhaupt nichts damit an-

zufangen. Bis ich gecheckt habe, wer da am Telefon war, nämlich

eine gute Bekannte, verging eine ganze Zeit. Sie hatte im Fern-

sehen gesehen, dass in Kabul etwas mit einem Bundeswehrbus,

der auf dem Weg zum Flughafen gewesen war, passiert war. Mit

diesen Informationen stand ich jetzt vor dem Fernseher meiner

Schwiegereltern, die mit uns im Haus lebten, und versuchte mich

nervös am Teletext. Es gelang mir nicht. Den Teletext brauchte

ich aber auch nicht mehr, denn die Bilder vom Bus waren auf

allen Sendern zu sehen. Die Bilder sprachen Bände, ich zitterte

am ganzen Körper und wusste nicht, wohin mit mir.

Als Nächstes schossen mir die Worte meines Mannes durch

den Kopf: »Wenn mir was passiert, dann erfährst du es nicht

über die Medien, sondern es werden Leute kommen, die dir Be-

scheid geben.« Doch darauf wollte und konnte ich mich nicht

ver lassen.

Die Panik breitete sich im Haus aus, ich verzog mich nach

oben in unsere Wohnung und telefonierte mit dem Familien-

betreuungszentrum, aber die konnten oder durften nichts sagen.

Ich rief die Frau eines Kameraden an. Sie teilte mir mit, dass sich

ihr Mann gemeldet hat. Dass es ihm gut geht und dass es wirk-

lich den Heimkehrerbus erwischt hat! Sie gab sich Mühe, mich

zu beruhigen: »Unsere Männer waren doch immer zusammen

gewesen. Die haben bestimmt nebeneinander im Bus gesessen,

also geht es Andrejas bestimmt auch gut!«

Mein Bauch sagte mir etwas anderes, und ich ging duschen,

um mir die schrecklichen Gedanken, die ich hatte, abzuwaschen.

Unseren Sohn habe ich danach von meiner Freundin abholen

lassen, denn mir wurde immer mehr klar, gleich stehen hier Leu-

te vor der Tür, und er sollte das nicht direkt mitbekommen.

Diese ließen dann auch nicht lange auf sich warten. Es schellte

an der Tür, danach hörte ich nur einen entsetzlichen Aufschrei

meiner Schwiegermutter, ich rannte so schnell wie möglich die

Treppe nach unten, und da stand er, der Priester! Dahinter ein

Mann in Uniform. Sie brauchten nichts zu sagen, ihre Anwesen-

heit reichte.

Das Haus wurde mir zu eng, ich wollte weglaufen, aber ich konnte nicht. Andrejas’ Mutter schrie und schrie und schrie, und

ich stand da, regungslos, meine Gedanken kreisten, mir wurde

schlecht. Dieses Schreien machte mich aggressiv, und es machte

mich fertig, in die Augen meiner Schwiegereltern zu schauen,

die Augen waren voller Panik, Angst und Entsetzen. Mir war, als

ob mir jemand einen Spiegel vorhielt. Was sie rauslassen konnte

durch ihr Schreien, saß bei mir ganz tief im Verborgenen und

konnte nicht raus.

Ich wusste nicht, was ich machen sollte, dieser Schmerz, diese

Ohnmacht und diese Leere in mir, und dann Andrejas’ Eltern so

zu sehen. Wo sollte ich anfangen zu helfen. Bei ihnen, bei mir,

bei meinen Kindern oder den Brüdern von Andrejas? Niemand

wusste, wohin mit seiner Trauer! Nachdem ein Arzt da war und

meine Schwiegermutter versorgt hatte, wurde es still, totenstill,

kaum zu ertragen.

Ich weiß noch, dass ich dem Kommandeur, das war der uni-

formierte Mensch hinter dem Priester, eine Frage immer wieder

gestellt habe: »Wie sicher ist es, dass es wirklich Andrejas ist?«

Alles sträubte sich in mir, dass Andrejas, mein Mann, der Vater

meiner Kinder und mein bester Freund, nicht mehr nach Hause

kommen würde. Wir waren seit unserem 16. Lebensjahr zusam-

men, also zwölf Jahre, das ist fast die Hälfte unseres Lebens. Er

war immer für mich da, und jetzt sollte das nicht mehr so sein.

Ich wollte und konnte das nicht glauben.

Nie wieder sein Lachen hören, ihn nie wieder berühren dür-

fen. Wir waren so oft schon getrennt gewesen, durch Auslands-

einsätze oder Lehrgänge. Er war immer zurückgekommen, und

nun? Das alles war wie im Traum, wie in einem Albtraum, aus

dem man nicht wach wird.

Unser Haus füllte sich mit Familie und Freunden, niemand

wusste, was er sagen sollte. Mir war es recht, weil man dazu auch

nichts sagen kann. Ich sah es in ihrer aller Augen, das war bedrü-

ckend genug für mich. Am liebsten hätte ich all die Trauer auf

mich genommen, ich wollte helfen. Aber wie, wenn man sich

selbst nicht helfen kann.

Ich funktionierte irgendwie und überlegte, wie ich das Justin

erklären sollte. Er freute sich doch so auf seinen Papa. Wir haben

vor dem Einsatz Steine gesammelt. Für jeden Einsatztag legten

wir einen Stein weg, wenn ein Tag zu Ende ging. Nun lag da nur

noch einer, für einmal schlafen. An diesem Tag habe ich ihm

noch nichts gesagt, ich lag die Nacht wach, weinte und flehte,

dass es doch nicht Andrejas erwischt hat.

Am nächsten Tag, als mein Bruder und meine Schwägerin

kamen, nahm ich mir Justin auf den Schoß, doch er weigerte sich

und wollte lieber vor mir sitzen bleiben. Ich fing an, dass Papa ja

eigentlich heute nach Hause kommen sollte, er aber nicht kom-

men kann. Justin fing vor Wut an zu weinen und sagte: »Er hat es

versprochen, und du hast es auch versprochen!«

Ich antwortete: »Ja, das haben wir, aber Papa kann nicht nach

Hause kommen. Er hatte einen Unfall!« Justin war erschrocken

und hörte auf zu weinen. Er fragte empört: »Wann denn dann?«

Mir blieb alles im Hals stecken, alles wehrte sich in mir, es aus-

zusprechen, mir liefen die Tränen immer weiter. Justin kam zu

mir und versuchte mich zu trösten. Ich erklärte weiter: »Er hat

sich so schwer verletzt, dass er an seinen Verletzungen gestorben

ist. Papa ist tot!« Es wurde still, keiner sagte etwas. Doch dann ka-

men seine Fragen, wo ist das passiert, wie ist das passiert, warum

ist das passiert? Ich erklärte ihm, dass der Bus einen Verkehrs-

unfall auf dem Weg zum Flughafen hatte und ich selbst noch

nicht genug wissen würde, um es ihm genauer zu erklären.

Justin war 3½ Jahre alt. Die Wahrheit wäre zu hart gewesen,

also blieb ich bei der Geschichte, Andrejas hätte einen Verkehrs-

unfall gehabt. Justin stellte Frage um Frage, und ich versuchte,

ihm alles kindgerecht zu erklären. Er kam mir in diesen Momen-

ten des Gesprächs so tapfer und groß vor, viel stärker und größer,

als ich es war. Er weinte nicht und blieb ganz ruhig, er tröstete

mich und wischte mir die Tränen weg.

Später verstand ich, dass Justin sich nur an das hielt, was Papa

ihm bei der Verabschiedung gesagt hatte: »Engel, du musst jetzt

tapfer sein, du bist jetzt der Mann im Haus, pass auf Mama und

Marina auf!«

Bevor Justin eingeschult wurde, habe ich ihm die Wahrheit er-

zählt, denn ich wollte verhindern, dass andere Kinder aus seinem

Umfeld ihm das erzählten. Schließlich waren dort an der Schule

größere und ältere Kinder, die vielleicht mehr wussten. Uns ist es

nämlich in der Vergangenheit im Kindergarten schon passiert,

dass Kinder im gleichen Alter zur Begrüßung Sätze sagten wie:

»Ah, da ist ja der Beljo, wo der Papa in die Luft gesprengt wurde!«

Wir erschraken beim ersten Mal, und es tat weh, aber irgend-

wann hörte man nur noch weg.

Heute leben wir von unseren Erinnerungen. Meinem Sohn

und mir fallen genug Dinge ein, über die wir auch herzlich la-

chen, aber auch weinen können. Bei unserer Tochter, die ihren

Papa das letzte Mal gesehen hat, als sie sechs Monate alt war, ist

das anders. Sie ist traurig, keine Erinnerungen zu haben. Sie sagte

vor einiger Zeit unter Tränen zu mir: »Ihr habt es gut, ihr wisst,

ob Papa viele Haare oder wenig Haare hat. Ihr wisst, wie er redet,

ob er groß oder klein ist! Ich weiß das nicht, und ich finde das so

gemein!« Wir werden uns ein Video anschauen, um ihr zu helfen,

aber erst dann, wenn sie es möchte und danach verlangt.

Auch wenn es oft so dargestellt wird, dass Kinder vergessen.

Ich halte mit meinen Erfahrungen dagegen: Sie vergessen nicht.

Man versucht, das Thema Tod nur immer totzuschweigen und

fernzuhalten. Kinder sollten aber drüber reden dürfen, wenn sie

es möchten, auch wenn es den Erwachsenen wehtut.

Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an all das Geschehene

denke, es ist da und wird mich niemals loslassen. Andrejas wird

immer ein Teil von uns sein, und das kann uns niemand nehmen.

Ich sehe ihn jeden Tag in den Augen unserer Tochter Marina, im

Verhalten und Lachen unseres Sohnes Justin, und das ist gut so.

Die Zeit heilt keine Wunden, man lernt nur, mit dem Unfass-

baren zu leben.

Ich habe diesen Beitrag zu diesem Buch gern geschrieben, weil

es Zeit ist, unseren Soldatinnen und Soldaten endlich den nöti-

gen Respekt zuteil werden zu lassen, den sie bei der Ausübung

ihres Dienstes für die Bundesrepublik Deutschland verdienen. Es

ist aber auch Zeit, endlich über die damit verbundenen Risiken

zu sprechen und nichts schönzureden.

Zu guter Letzt möchte ich allen danken, die mich in den

schweren Zeiten unterstützt haben, vor allem gilt mein Dank

meinen Kindern, meinem Freund, meiner Familie und meinen

Freunden.

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Splitter

Einsatzfähigkeit und Auftragserfüllung der Streitkräfte haben

Vorrang auch gegenüber den berechtigten Forderungen Einzelner

nach Vereinbarkeit von Familie und Dienst in den Streitkräften.

Diese Besonderheiten des militärischen Dienstes müssen Sol-

daten und Soldatinnen kennen und akzeptieren. Sie müssen auch

bereit sein, daraus resultierende, erforderliche Einschränkungen

hinzunehmen. Gleichwohl stellen dienstliche Forderungen und

private Belange nicht immer konkurrierende Ziele dar.

Handbuch zur Vereinbarkeit von Familie und Dienst

in den Streitkräften

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