– Leseprobe

Ein Leben kann sehr kurz sein. Jedes Kind, das einen Gameboy besitzt, kann das bestätigen. Der kleine Super Mario, untersetzt, schnauzbärtig, mit Latzhose und Schirmmütze bekleidet, von Beruf Klempner, hat den Auftrag, zusammen mit seinem Bruder Luigi und seinem Freund Joshi die Prinzessin zu befreien, und auf diesem hindernisreichen Weg stürzt er immer und immer wieder ab und verliert eines seiner Leben.

„Jonas, wohin stürzt er eigentlich?“, frage ich meinen Sohn, der neben mir sitzt und seinem Game Boy diese nervtötenden piependen Geräusche entlockt, die jede Mutter kennt und die einen nach ungefähr zwei Stunden so zum Wahnsinn treiben können, dass man wünscht, man hätte diese Höllenmaschine nie erstanden. Aber das musste man ja, sonst wäre man eine Rabenmutter, und die Sprösslinge wären bei ihren Freunden nicht konkurrenzfähig.

„Stürzt er ins Meer, oder wohin?“

„Er stürzt einfach ins Nichts“, werde ich informiert. „Aber da gibt es grüne Pilze, wenn er die findet und isst, bekommt er für jeden ein neues Leben“, erklärt mein Sohn geduldig seiner unwissenden Mutter, und ich denke neiderfüllt, wenn es doch nur im richtigen Leben auch so einfach wäre.

Leider ist es nicht so.

Wir haben nur ein Leben, und dann müssen wir sterben. Die Frage ist nur, wann und wie.

Ich bin Ärztin. Notärztin, Hausärztin und Bundeswehrärztin. Und ich wurde all das eher durch Zufall. Aber irgendwie muss ich es ja auch gewollt haben. Wie sonst hätte ich zulassen können, dass es mich so absorbiert, dieses Leben einer Ärztin. Es hat mir alles abverlangt, und mehrere Male hätte es mich beinahe klein bekommen.

Hautärzte, die haben es fein. Sie halten ihre Sprechstunden ab, operieren ein wenig oder auch nicht, und am Nachmittag gehen sie nach Hause und widmen sich ihren Familien. Da gibt es keine Notfälle, und niemand holt sie nachts oder am Wochenende aus dem Bett. Sie können ein eigenes Leben haben.

Es war nie mein Plan, nur zu leben, um zu arbeiten. Aber auf geheimnisvolle Weise machte sich dieses Arzt-Sein selbstständig. Da war eine Faszination, der ich mich nicht entziehen konnte. Das Arzt-Sein infiltrierte schleichend alles und übernahm die Macht. Wie ein Sog, der stärker ist und in dessen Wirbeln man sich verliert.

Er vereinnahmt einen gern ganz und gar, mit Haut und Haaren, dieser Beruf, und versucht beinahe heimtückisch, alle anderen Aspekte eines eigenen Lebens zu verdrängen.

Bemerkt habe ich das immer, trotzdem habe ich geglaubt, ich sei immun dagegen. Wirklich verstanden und gespürt habe ich es erst, als ich nach Neuseeland kam. „Go, get a life!“, so heißt es da immer, und ich stellte fest, dass ich verlernt hatte, wie man das macht.

Notärzte arbeiten Schicht. Immer sind sie im Einsatz, rund um die Uhr. Bei ihnen ist es niemals ruhig, und immer bekämpfen sie den Tod. Notärzte sitzen nicht in einer voll klimatisierten Praxis. Sie fahren raus, bei Wind und Wetter, und in jede Gegend. In die Slums und Ghettos der Großstädte genauso wie auf abgelegene Bauernhöfe und in vornehme Villenviertel. Sie versorgen Patienten auf Autobahnen, Tennisplätzen und Flughäfen, im Park und vor der Trinkhalle an der Ecke, in Schulen, Büros, Einkaufsmärkten und beim Friseur.

Sie arbeiten zusammen mit Polizei und Feuerwehr, lassen Türen einschlagen und bergen Patienten über Drehleitern in schwindelnder Höhe.

Hausärzte sind immer für ihre Patienten da. Sie betreuen die gleichen Patienten über Jahre, kennen deren ganze Lebensgeschichte, die Kinder, die Wohnung, den Hund, und auch sie kämpfen gegen den Tod, und wenn das nicht mehr möglich ist, so lernen sie, ihn sanft zu machen und weich und als Freund zu akzeptieren.

Bundeswehrärzte begleiten die Soldaten, wohin sie auch gesandt werden, in jedes Land und in jeden Krieg. Die Worte Tod und Kampf gewinnen dabei eine ganz andere, zusätzliche Bedeutung.

Ärzte müssen entscheiden, wann es Zeit ist, schnell zu sein und aggressive Maßnahmen durchzuführen, und wann es richtig ist, still zu werden und einfach nur zuzuhören. Wann sie kämpfen müssen, und wann loslassen.

Es wird erwartet, dass sie mitfühlen, aber mitleiden dürfen sie nicht.

Jeden Moment, auch jetzt gerade, hilft irgendwo auf dieser Welt ein Arzt einer Mutter, ihr Baby zu bekommen, hält ein anderer die Hand eines sterbenden Menschen, spritzt einer einem kranken Kind ein Medikament, hört einer der Geschichte eines Selbstmörders zu, ist ein Arzt nicht zu Hause bei seiner Familie, sondern kümmert und sorgt sich um seine Patienten.

Es ist eine große Herausforderung, Arzt zu sein, und es kann sehr erfüllend und befriedigend sein. Vince Lombardi, einer der erfolgreichsten amerikanischen Footballtrainer, prägte den Satz: „Wenn du an dich glaubst und Mut, Entschlossenheit, Hingabe und Wettbewerbsgeist besitzt, und wenn du bereit bist, die kleinen Dinge im Leben zu opfern und den Preis zu bezahlen für die Dinge, die es wert sind, dann kann es getan werden.“

Was nicht einfach ist.

Vor allem, wenn man Kinder hat, sich teilen muss und es sich so anfühlt, als ob man keinem wirklich gerecht wird, am wenigsten sich selbst.

Eine Journalistin schrieb kürzlich über mich: „Das ist Heike Groos: Klarsichtig, pragmatisch, geeicht auf zielführendes Handeln, ein Profi für Notfälle. Locker und vollkommen entspannt steht sie da in diesem weiß gekachelten, aseptisch sauberen Behandlungsraum eines deutschen Krankenhauses: Nicht groß, ein bisschen pummelig (was ihr gar nicht recht ist), das hellblonde schulterlange Haar fällt offen auf die Schultern, so lehnt sie am Beatmungsgerät, die Hände bequem in ihrem weißen Arztkittel vergraben, und erzählt ganz unsentimental mal kurz eine Episode aus ihrem Leben. Hier, an ihrem neuen Arbeitsplatz, fühlt sie sich gut, und sie lässt keine Gelegenheit aus zu lachen.“

Auch das stimmt. Ich habe viel Freude an meiner Arbeit, an meinem Leben und an den Menschen.

Letztens saß ich mit meinen Kindern zusammen. Wir saßen an dem großen dunklen Holztisch in der Küche, waren gerade mit dem Essen fertig und unterhielten uns noch.

Meine Tochter sagte zu mir: „Kannst du mir bitte eine Apfelsine schälen?“

„Sag mal, Nora, spinnst du jetzt? Du bist zwanzig Jahre alt, schäl sie dir selbst!“

So hatte ich uncharmant geantwortet und wurde dann ganz still und beschämt, als sie ruhig und freundlich erwiderte: „Sonst macht das die Oma für mich, aber die ist ja jetzt nicht hier. Ich habe mir kein Mandarinchen und keine Orange mehr geschält, seit ich ganz klein war und mich an dieser Maschine schnitt.“

Sie wies mit dem Finger auf die Ecke der Arbeitsplatte, an der früher die elektrische Brotschneidemaschine befestigt war. Sie ist nicht mehr da, und ich erinnerte mich nicht, warum.

Nora erzählte mir die Geschichte. Sie tat es lächelnd und heiter, es war kein Vorwurf zu spüren.

„Ich wollte eine Orange essen. Aber ich bekam keinen Anfang, um sie zu schälen. Also habe ich mir die kleine Trittleiter geholt, weil ich ja noch zu klein war, um an die Arbeitsplatte zu reichen, und dann wollte ich die Apfelsine an der Seite aufschneiden. Sie rauschte nur so durch die Maschine, und ich schnitt mir dabei den Daumen ab. Den hast du mir dann wieder angenäht, und dann musste ich so einen blöden dicken Verband bekommen. Seitdem habe ich keine Orange mehr allein geschält, die Oma macht mir immer den Anfang, und Mandarinchen kaufe ich erst gar nicht, wenn die Schale nicht locker ist.“

Jetzt erinnerte ich mich wieder. Sie hatte sich den Daumen nicht abgeschnitten, sondern sich eine tiefe Schnittwunde zugezogen, die ich genäht hatte. Danach hatten wir die Brotmaschine abmontiert und auf dem Flohmarkt eine gekauft, bei der man eine Kurbel drehen muss. Dass Nora seitdem nie mehr eine Orange schälte, habe ich nie bemerkt. Ich hatte ein sehr schlechtes Gewissen.

Sie lachte nur und sagte: „Kein Problem. Du warst immer für uns da, und auch in den Zeiten, in denen du es nicht warst, fühlte es sich so an. Wir sind selbstständig geworden, was gut ist. Weißt du noch, meine Freundin Laura, die konnte sich mit zehn Jahren immer noch nicht alleine die Schuhe zubinden. Nur, ich glaube, eines haben wir Geschwister alle immer gewusst, wenn es um unsere Berufswahl ging: Wir werden alles außer Arzt.“

Und meine anderen Kinder lachten und sagten: „Stimmt. Ein Arzt in der Familie genügt.“

Manchmal hasse ich es, dieses Leben, und manchmal liebe ich es.

Ich würde alles genauso wieder machen.