– Leseprobe

So wie es einfach besser war, bei dieser Trauerfeier nicht zu
sagen, nicht einmal daran zu denken, dass ich nicht mehr daran
glaube, dass unsere gefallenen Kameraden für den Weltfrieden
oder den Kampf gegen den Terrorismus gestorben sind. Ich glaube
vielmehr, dass jeder Soldat an der Front, egal in welchem Krieg
dieser Erde, nach kürzester Zeit jede Ideologie vergisst und hinfort
nur noch mit dem eigenen Überleben und dem Überleben derer,
die ihm wichtig sind, beschäftigt ist. Mancher schon am Ende des
ersten Tages, mancher am zweiten und manche erst nach einer
Woche oder einem Monat. Warum er dorthin geschickt wurde,
interessiert ihn einen Dreck. Alles, was er will, ist am Leben bleiben,
nach Hause oder wenigstens nur weg von dort.
Ich glaube auch nicht an Jack Bauer, der tun muss, was ein
Mann eben tun muss: »We need to focus now«, und sich durch
die größten Folterqualen keine Geheimnisse entlocken lässt und
für sein Vaterland und die Loyalität zu seinem Präsidenten in ein
chinesisches Gefängnis geht. Zumindest glaube ich, dass die Jack
Bauers dieser Welt sehr rar gesät sind oder eigentlich glaube ich,
dass es sie gar nicht gibt. Man möge mir das Gegenteil beweisen.
Ich weiß, würde mir jemand stundenlang auf einem Zahnnerv
herumbohren, würde ich alles sagen, was sie hören wollen. Alles.
Und ich würde auch nicht für unsere Bundeskanzlerin in ein
Gefängnis gehen, in kein chinesisches und auch in sonst keins
auf der Welt. Vielleicht bin ich auch einfach nicht stark genug,
wer weiß.
Wir jedenfalls glaubten nicht, dass sie für uns gestorben waren,
unsere Freunde und Kameraden. Und wenn es so war, dann
hatten wir das nicht gewollt. Es war ja auch kein Kampf gewesen,
in dem sie sich, um uns zu schützen, vor das Mündungsfeuer
geworfen haben. Aber selbst wenn, Kameradschaft hin oder her,
wer will denn schon, dass seine Freunde sterben und sei es auch,
damit man selbst überlebt. Und welche Freundschaft wäre schon
so groß?
Wir fanden es einfach schrecklich, dass sie tot waren, ungerecht,
gemein, und wir vermissten sie. Und wenn wir überhaupt
für etwas dankbar waren, dann dafür, dass es sie erwischt hatte
und nicht uns. Auch wenn wir das nie zugeben würden, auch
heute nicht, so lange danach. Es hört sich einfach zu schäbig an.
Vielleicht gibt es auch einfach nur keine richtigen Worte für das,
was wir empfanden. Was wir fühlten, als wir im frisch gewaschenen
Kampfanzug mit geputzten Stiefeln militärisch korrekt und
sauber aufmarschierten. Als die deutsche Nationalhymne gespielt
wurde, und wir stramm standen. Vor uns die vier Särge,
zwei verschiedene Modelle, die mir für einen kurzen Moment ein
triumphierendes Gefühl der Genugtuung verschafften. Das entwürdigende
Schauspiel einer Umbettung aus optischen Gründen
hatten wir ihnen ersparen können, und es tat der Optik überhaupt
keinen Abbruch. Sehr anständig standen sie da, die Särge,
so wie man sich ein militärisches Ehrenbegräbnis vorstellt, auch
wenn man es bisher nur aus amerikanischen Filmen kannte. Diese
Särge trugen die Deutschlandflagge, und es war ein beklemmendes
Gefühl, aber irgendwie war das alles, was wir hatten tun
können. Das und uns anständig anziehen und uns anständig aufstellen.
Irgendwie war es wichtig, alles anständig und ordentlich
zu machen. Die Flagge war wichtig, die Stahlhelme darauf und
die Musik. Wir hatten unsere Uniformen waschen lassen und sie
in Ermangelung von Bügeleisen so gut es ging glatt gezogen. Es
war ein merkwürdiges Gefühl für uns, im Kampfanzug zu einer
feierlichen Veranstaltung zu gehen. Aber man nimmt den Dienstanzug
nicht mit in den Krieg. Mit einigen hundert Soldaten standen
wir in einem großen Karree, vor uns die Särge, davor das
Rednerpult und daneben die großen Lautsprecher, aus denen die
Nationalhymne dröhnte und uns den üblichen Schauer über den
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Rücken jagte und dann, was uns den Rest gab, das Lied: »Ich hatt’
einen Kameraden«.
Das war zu viel. Die Tränen kamen. Der Gedanke daran, dass
man uns dies hätte ersparen können, dass es zu dick aufgetragen
war, zu plump und zu klischeehaft, erfüllte uns aber auch mit
einem gewissen Ärger, der half, die Tränen zu unterdrücken und
die Fassung zu bewahren. Fingerspitzengefühl ist manchmal eine
Kunst. Immer und immer spielen sie dieses Lied, wenn es ums
Abschiednehmen geht. Ich hatte gehofft, sie würden dieses Mal
darauf verzichten.
Ich hatt’ einen Kameraden,
Einen bessern findst du nit.
Die Trommel schlug zum Streite,
Er ging an meiner Seite
In gleichem Schritt und Tritt.
Eine Kugel kam geflogen:
Gilt’s mir oder gilt es dir?
Ihn hat es weggerissen,
Er liegt vor meinen Füßen
Als wär’s ein Stück von mir.
Will mir die Hand noch reichen,
Derweil ich eben lad’.
Kann dir die Hand nicht geben,
Bleib du im ew’gen Leben
Mein guter Kamerad!
Ich glaube nicht, dass Ludwig Uhland 1809 mit dem Schreiben des
Gedichts bezweckte, uns so fertigzumachen. »Er ging an meiner
Seite, eine Kugel hat ihn weggerissen, er liegt vor meinen Füßen«,
kann man eine Situation überhaupt noch schlimmer machen? In
der englischen Übersetzung ist es noch trauriger.
In battle he was my comrade,
None better I have had.
The drum called us to fight,
He always on my right,
In step, through good and bad.
»He always on my right, in step through good and bad«, die
Worte klangen in mir nach, als wir anschließend in einer langen
Prozession im Schritttempo durch das Spalier der Soldaten aller
Nationen hinter den Lastwagen mit den Särgen fuhren. Das Spalier
erstreckte sich vom Antreteplatz bis hin zur Wache, rechts
und links der Straße standen Soldaten und wenn die Särge an
ihnen vorbeikamen, hoben sie die Hand zum Gruß an die Mütze
und ließen sie dann zögernd, Abschied nehmend, wieder sinken.
Ein Sanitätspanzer musste den Konvoi begleiten und ich fuhr
mit. Die letzten Soldaten der Kompanie, der die Getöteten angehört
hatten, wurden nun auch heimgeschickt. So wie Paul. Und
er war es auch, der mich gebeten hatte, ihn und seine Kameraden
in meinem Fahrzeug mitzunehmen. Seit dem Anschlag hatten sie
das Lager nicht verlassen. Nun sollten sie zum ersten Mal wieder
an dem Attentatsort vorbeifahren, und dabei wollten sie nicht in
einem von unbekannten Menschen begleiteten anonymen Fahrzeug
sitzen. Sie würden auf der Fahrt nicht einmal etwas sehen
können. Sie mussten bei geschlossenen Luken hinten im Panzer
sitzen, so wie es seit dem Anschlag befohlen war. Sie baten mich
aber, ihnen ein Klopfzeichen zu geben, wenn wir die Stelle des
Anschlages passierten.
Ich tat es mit gemischten Gefühlen und auch nur, weil ich es
versprochen hatte. Als wir an dem Feld vorbeikamen, in dem man
noch immer die Spuren der Explosion sehen konnte, das niedergedrückte
und verbrannte Gras, klopfte ich an die Metallwand,
die die Fahrerkabine vom hinteren Teil des Panzers trennte. Ich
lauschte nach hinten, aber das Motorengeräusch machte es unmöglich,
etwas zu hören. Als wir das abgeriegelte und gesicherte
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Flughafengelände erreicht hatten, konnten sie die Luken öffnen
und nun sahen auch sie die dort stationierten Kameraden aller
Nationen, die auch hier ein langes Spalier bis hin zum Flugzeug
gebildet hatten und die Hände, die sich wie eine Welle zum Gruß
hoben und wieder senkten. Vom Gefreiten bis hinauf zum General
standen sie, Nationen und Uniformen gemischt, einträchtig
nebeneinander und ergaben ein buntes und so gar nicht militärisches
Bild. Doch waren sie vereint in ihrer Traurigkeit und ihrem
Mitgefühl, aber vor allem in ihrem Respekt vor den gefallenen
Kameraden, nicht ohne auch eine gewisse Härte auszustrahlen.
Sie waren Soldaten, und dies war der Krieg. Egal, warum er geführt
wurde und wofür, sie hassten den Gedanken, etwas Derartiges
könne sich wiederholen.
Sie waren betroffen, berührt wie noch nie, und begegneten
diesem neuen Gefühl mit dem, was sie trainiert hatten. Härte
und Entschlossenheit. Nur, entschlossen wozu? Zunächst einmal
nur dazu, nicht noch einmal hier in dieser Formation zu stehen.
Nicht noch einmal würden sie Spalier stehen an vorbeiziehenden
Särgen und sich die darin liegenden Leichen der jungen Männer
vorstellen, an ihre jungen Frauen und ihre kleinen Kinder daheim
denken. Nicht noch einmal. Nur, dass wenn es hier kein Spalier
mehr gäbe, es leider nicht geleichzeitig bedeutete, dass es auch
keine Leichen mehr gäbe.
Sie wollten sich wehren. Nur, gegen wen? Die Attentäter kamen
aus dem Hinterhalt, blieben unsichtbar. Und wenn man sie dann
sah, waren sie tot, hatten sich geopfert, mit in die Luft gesprengt.
Jahrelang waren diese Männer, diese Soldaten, dafür ausgebildet
worden, zu kämpfen, zu verteidigen. Was wenn man das
nicht kann? Was, wenn man so wütend darüber ist, dass man sich
nicht wehren kann? Was macht man dann? Dann will man sich
wenigstens rächen, Vergeltung üben. Aber das geht auch nicht.
Man kann es nicht und man darf es nicht. Selbst wenn es einem
vor lauter Wut egal ist, dass Rache sich nicht gehört und nichts
Gutes ist, so sagt ja der gesunde Menschenverstand, dass es dadurch
noch schlimmer würde, dass man dadurch nur noch tiefer
in die Todesspirale von Hass und Gewalt gerät.
Über all das würden sie später nachdenken. Später. Jetzt war
nicht die Zeit für große Worte, und stumm erhoben sich die
Hände zum Gruß an die Mütze und in dieser Bewegung lag mehr
Gefühl als in allen Worten dieser Welt.
Auch Paul und die anderen sagten beim Abschied nichts,
umarmten mich nur wortlos. Wortlos, weil es keine Worte gab,
und Paul drückte mir verstohlen eine kleine Münze in die Hand,
die ich einsteckte und erst später ansah, als er abgeflogen war.
Es war der heilige Christophorus, Schutzpatron der Reisenden,
und ich wusste, was er bedeutete. Er würde mich beschützen, und
Paul würde zurückkehren.

So wie es einfach besser war, bei dieser Trauerfeier nicht zu

sagen, nicht einmal daran zu denken, dass ich nicht mehr daran
glaube, dass unsere gefallenen Kameraden für den Weltfrieden
oder den Kampf gegen den Terrorismus gestorben sind. Ich glaube
vielmehr, dass jeder Soldat an der Front, egal in welchem Krieg
dieser Erde, nach kürzester Zeit jede Ideologie vergisst und hinfort
nur noch mit dem eigenen Überleben und dem Überleben derer,
die ihm wichtig sind, beschäftigt ist. Mancher schon am Ende des
ersten Tages, mancher am zweiten und manche erst nach einer
Woche oder einem Monat. Warum er dorthin geschickt wurde,
interessiert ihn einen Dreck. Alles, was er will, ist am Leben bleiben,
nach Hause oder wenigstens nur weg von dort.
Ich glaube auch nicht an Jack Bauer, der tun muss, was ein
Mann eben tun muss: »We need to focus now«, und sich durch
die größten Folterqualen keine Geheimnisse entlocken lässt und
für sein Vaterland und die Loyalität zu seinem Präsidenten in ein
chinesisches Gefängnis geht. Zumindest glaube ich, dass die Jack
Bauers dieser Welt sehr rar gesät sind oder eigentlich glaube ich,
dass es sie gar nicht gibt. Man möge mir das Gegenteil beweisen.
Ich weiß, würde mir jemand stundenlang auf einem Zahnnerv
herumbohren, würde ich alles sagen, was sie hören wollen. Alles.
Und ich würde auch nicht für unsere Bundeskanzlerin in ein
Gefängnis gehen, in kein chinesisches und auch in sonst keins
auf der Welt. Vielleicht bin ich auch einfach nicht stark genug,
wer weiß.
Wir jedenfalls glaubten nicht, dass sie für uns gestorben waren,
unsere Freunde und Kameraden. Und wenn es so war, dann
hatten wir das nicht gewollt. Es war ja auch kein Kampf gewesen,
in dem sie sich, um uns zu schützen, vor das Mündungsfeuer
geworfen haben. Aber selbst wenn, Kameradschaft hin oder her,
wer will denn schon, dass seine Freunde sterben und sei es auch,
damit man selbst überlebt. Und welche Freundschaft wäre schon
so groß?
Wir fanden es einfach schrecklich, dass sie tot waren, ungerecht,
gemein, und wir vermissten sie. Und wenn wir überhaupt
für etwas dankbar waren, dann dafür, dass es sie erwischt hatte
und nicht uns. Auch wenn wir das nie zugeben würden, auch
heute nicht, so lange danach. Es hört sich einfach zu schäbig an.
Vielleicht gibt es auch einfach nur keine richtigen Worte für das,
was wir empfanden. Was wir fühlten, als wir im frisch gewaschenen
Kampfanzug mit geputzten Stiefeln militärisch korrekt und
sauber aufmarschierten. Als die deutsche Nationalhymne gespielt
wurde, und wir stramm standen. Vor uns die vier Särge,
zwei verschiedene Modelle, die mir für einen kurzen Moment ein
triumphierendes Gefühl der Genugtuung verschafften. Das entwürdigende
Schauspiel einer Umbettung aus optischen Gründen
hatten wir ihnen ersparen können, und es tat der Optik überhaupt
keinen Abbruch. Sehr anständig standen sie da, die Särge,
so wie man sich ein militärisches Ehrenbegräbnis vorstellt, auch
wenn man es bisher nur aus amerikanischen Filmen kannte. Diese
Särge trugen die Deutschlandflagge, und es war ein beklemmendes
Gefühl, aber irgendwie war das alles, was wir hatten tun
können. Das und uns anständig anziehen und uns anständig aufstellen.
Irgendwie war es wichtig, alles anständig und ordentlich
zu machen. Die Flagge war wichtig, die Stahlhelme darauf und
die Musik. Wir hatten unsere Uniformen waschen lassen und sie
in Ermangelung von Bügeleisen so gut es ging glatt gezogen. Es
war ein merkwürdiges Gefühl für uns, im Kampfanzug zu einer
feierlichen Veranstaltung zu gehen. Aber man nimmt den Dienstanzug
nicht mit in den Krieg. Mit einigen hundert Soldaten standen
wir in einem großen Karree, vor uns die Särge, davor das
Rednerpult und daneben die großen Lautsprecher, aus denen die
Nationalhymne dröhnte und uns den üblichen Schauer über den
Rücken jagte und dann, was uns den Rest gab, das Lied: »Ich hatt’
einen Kameraden«.
Das war zu viel. Die Tränen kamen. Der Gedanke daran, dass
man uns dies hätte ersparen können, dass es zu dick aufgetragen
war, zu plump und zu klischeehaft, erfüllte uns aber auch mit
einem gewissen Ärger, der half, die Tränen zu unterdrücken und
die Fassung zu bewahren. Fingerspitzengefühl ist manchmal eine
Kunst. Immer und immer spielen sie dieses Lied, wenn es ums
Abschiednehmen geht. Ich hatte gehofft, sie würden dieses Mal
darauf verzichten.
Ich hatt’ einen Kameraden,
Einen bessern findst du nit.
Die Trommel schlug zum Streite,
Er ging an meiner Seite
In gleichem Schritt und Tritt.
Eine Kugel kam geflogen:
Gilt’s mir oder gilt es dir?
Ihn hat es weggerissen,
Er liegt vor meinen Füßen
Als wär’s ein Stück von mir.
Will mir die Hand noch reichen,
Derweil ich eben lad’.
Kann dir die Hand nicht geben,
Bleib du im ew’gen Leben
Mein guter Kamerad!
Ich glaube nicht, dass Ludwig Uhland 1809 mit dem Schreiben des
Gedichts bezweckte, uns so fertigzumachen. »Er ging an meiner
Seite, eine Kugel hat ihn weggerissen, er liegt vor meinen Füßen«,
kann man eine Situation überhaupt noch schlimmer machen? In
der englischen Übersetzung ist es noch trauriger.
In battle he was my comrade,
None better I have had.
The drum called us to fight,
He always on my right,
In step, through good and bad.
»He always on my right, in step through good and bad«, die
Worte klangen in mir nach, als wir anschließend in einer langen
Prozession im Schritttempo durch das Spalier der Soldaten aller
Nationen hinter den Lastwagen mit den Särgen fuhren. Das Spalier
erstreckte sich vom Antreteplatz bis hin zur Wache, rechts
und links der Straße standen Soldaten und wenn die Särge an
ihnen vorbeikamen, hoben sie die Hand zum Gruß an die Mütze
und ließen sie dann zögernd, Abschied nehmend, wieder sinken.
Ein Sanitätspanzer musste den Konvoi begleiten und ich fuhr
mit. Die letzten Soldaten der Kompanie, der die Getöteten angehört
hatten, wurden nun auch heimgeschickt. So wie Paul. Und
er war es auch, der mich gebeten hatte, ihn und seine Kameraden
in meinem Fahrzeug mitzunehmen. Seit dem Anschlag hatten sie
das Lager nicht verlassen. Nun sollten sie zum ersten Mal wieder
an dem Attentatsort vorbeifahren, und dabei wollten sie nicht in
einem von unbekannten Menschen begleiteten anonymen Fahrzeug
sitzen. Sie würden auf der Fahrt nicht einmal etwas sehen
können. Sie mussten bei geschlossenen Luken hinten im Panzer
sitzen, so wie es seit dem Anschlag befohlen war. Sie baten mich
aber, ihnen ein Klopfzeichen zu geben, wenn wir die Stelle des
Anschlages passierten.
Ich tat es mit gemischten Gefühlen und auch nur, weil ich es
versprochen hatte. Als wir an dem Feld vorbeikamen, in dem man
noch immer die Spuren der Explosion sehen konnte, das niedergedrückte
und verbrannte Gras, klopfte ich an die Metallwand,
die die Fahrerkabine vom hinteren Teil des Panzers trennte. Ich
lauschte nach hinten, aber das Motorengeräusch machte es unmöglich,
etwas zu hören. Als wir das abgeriegelte und gesicherte
Flughafengelände erreicht hatten, konnten sie die Luken öffnen
und nun sahen auch sie die dort stationierten Kameraden aller
Nationen, die auch hier ein langes Spalier bis hin zum Flugzeug
gebildet hatten und die Hände, die sich wie eine Welle zum Gruß
hoben und wieder senkten. Vom Gefreiten bis hinauf zum General
standen sie, Nationen und Uniformen gemischt, einträchtig
nebeneinander und ergaben ein buntes und so gar nicht militärisches
Bild. Doch waren sie vereint in ihrer Traurigkeit und ihrem
Mitgefühl, aber vor allem in ihrem Respekt vor den gefallenen
Kameraden, nicht ohne auch eine gewisse Härte auszustrahlen.
Sie waren Soldaten, und dies war der Krieg. Egal, warum er geführt
wurde und wofür, sie hassten den Gedanken, etwas Derartiges
könne sich wiederholen.
Sie waren betroffen, berührt wie noch nie, und begegneten
diesem neuen Gefühl mit dem, was sie trainiert hatten. Härte
und Entschlossenheit. Nur, entschlossen wozu? Zunächst einmal
nur dazu, nicht noch einmal hier in dieser Formation zu stehen.
Nicht noch einmal würden sie Spalier stehen an vorbeiziehenden
Särgen und sich die darin liegenden Leichen der jungen Männer
vorstellen, an ihre jungen Frauen und ihre kleinen Kinder daheim
denken. Nicht noch einmal. Nur, dass wenn es hier kein Spalier
mehr gäbe, es leider nicht geleichzeitig bedeutete, dass es auch
keine Leichen mehr gäbe.
Sie wollten sich wehren. Nur, gegen wen? Die Attentäter kamen
aus dem Hinterhalt, blieben unsichtbar. Und wenn man sie dann
sah, waren sie tot, hatten sich geopfert, mit in die Luft gesprengt.
Jahrelang waren diese Männer, diese Soldaten, dafür ausgebildet
worden, zu kämpfen, zu verteidigen. Was wenn man das
nicht kann? Was, wenn man so wütend darüber ist, dass man sich
nicht wehren kann? Was macht man dann? Dann will man sich
wenigstens rächen, Vergeltung üben. Aber das geht auch nicht.
Man kann es nicht und man darf es nicht. Selbst wenn es einem
vor lauter Wut egal ist, dass Rache sich nicht gehört und nichts
Gutes ist, so sagt ja der gesunde Menschenverstand, dass es dadurch
noch schlimmer würde, dass man dadurch nur noch tiefer
in die Todesspirale von Hass und Gewalt gerät.
Über all das würden sie später nachdenken. Später. Jetzt war
nicht die Zeit für große Worte, und stumm erhoben sich die
Hände zum Gruß an die Mütze und in dieser Bewegung lag mehr
Gefühl als in allen Worten dieser Welt.
Auch Paul und die anderen sagten beim Abschied nichts,
umarmten mich nur wortlos. Wortlos, weil es keine Worte gab,
und Paul drückte mir verstohlen eine kleine Münze in die Hand,
die ich einsteckte und erst später ansah, als er abgeflogen war.
Es war der heilige Christophorus, Schutzpatron der Reisenden,
und ich wusste, was er bedeutete. Er würde mich beschützen, und
Paul würde zurückkehren.
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