– Maklerloses Haus

Jeden Moment, auch jetzt gerade, hilft irgendwo auf dieser Welt ein Arzt einer Mutter, ihr Baby zu bekommen, hält ein anderer die Hand eines sterbenden Menschen, spritzt einer einem kranken Kind ein Medikament, hört einer der Geschichte eines Selbstmörders zu, ist ein Arzt nicht zu Hause bei seiner Familie, sondern kümmert und sorgt sich um seine Patienten.
Es ist eine große Herausforderung, Arzt zu sein, und es kann sehr erfüllend und befriedigend sein.
So schrieb ich im Vorwort zu meinem neuen Buch.
Große Worte, wahrlich dick aufgetragen, meinen Sie? Das finde ich in diesem Moment auch, da mir andere Worte in den Sinn kommen, die ich kürzlich von einem jungen Rettungssanitäter hörte.
„Das Haus ist jetzt sicher noch ohne Makler zu haben!“
„Wie bitte?“ hatte ich gefragt und er erklärte es mir.
Die alte Dame, bei der sie Wiederbelebungsmaßnahmen durchgeführt hatte, die erfolglos blieben und sie starb, war alleinstehend gewesen, ganz ohne Familie. Er, der Sanitäter, würde schon sehr lange nach einem Haus für seine junge Familie suchen und das gepflegte Haus der alten Dame gefiel ihm. Da sie soeben erst verstorben sei, könne man nun, wenn man schnell sei, vielleicht die Maklerkosten sparen.
Und ich lachte.
Du meine Güte.
Was für eine Welt. Was ist aus uns geworden.
Da stirbt ein Mensch und anstelle eines respektvollen Nachrufes ist es dies, was geschieht. Der Sanitäter denkt nur an den Nachlass und die Ärztin findet es komisch.
Du liebe Zeit.
Das hat doch niemand verdient. Wir hätten nicht wirklich etwas Liebevolles über die alte Dame sagen können, wir kannten sie ja gar nicht. Aber es muss sicher etwas Netteres geben, das man hätte sagen können.
An dieser Stelle wäre es wohl angebracht, Entschuldigungen für ein solches Verhalten vorzubringen. Was mir schäbig vorkommt und ich würde es lieber sein lassen.
Es weiß doch jeder, dass die Arbeit im Rettungsdienst anstrengend ist und belastend. Wir wollen den barmherzigen Mantel des Schweigens darüber breiten, welcher Organisation der junge Mann angehörte. Er hatte am Tag zuvor Spätdienst gehabt. Um dreiundzwanzig Uhr hatte seine Schicht geendet, er fuhr Hause, duschte, schlief. Nach fünf Stunden stand er auf, frühstückte, war um sechs wieder an der Arbeit. Ist das erlaubt? Anscheinend. Als er die denkwürdigen Worte von dem maklerlosen, schönen Haus zu mir sprach, war ich in der fünfundzwanzigsten Stunde meines Dienstes in der Notaufnahme. Darf das sein? Natürlich. Angesichts des Ärztemangels in Deutschland sind Arbeitszeitgesetze so viel wert wie für Saddam Hussein die Genfer Konvention.
Aber das soll keine Ausrede sein.
Auch nicht, dass der Sanitäter an jenem Tag insgesamt zehn Patienten transportiert hatte. Darunter einen schwerverletzten Motorradfahrer, die Mutter von drei kleinen Kindern mit einer Hirnblutung, ein Baby mit Fieberkrampf und einen Selbstmörder. Alles keine Entschuldigung. Aber vielleicht eine Erklärung. Die wir der Verstorbenen schulden und den Lebenden auch und die ich gerne abgeben würde. Vielleicht würde dann ja jemand zu mir sagen, dass wir alle nur Menschen sind und vielleicht könnte ich dann aufhören, mich für mein Lachen zu schämen.
Der Sanitäter ist übrigens nie auf die Gemeindeverwaltung gegangen, um wegen des Hauses zu fragen.