Morgen fangen wieder hundert neue Tage an

Morgen fangen wieder hundert neue Tage an 

100 tage
Ich war im Einsatz in Afghanistan.
Als deutsche Soldatin, als Ärztin, als Kompaniechefin, als Mutter, als Frau, als Freundin, als Kameradin, als Mensch.
Ein wunderschönes, verlockendes Land.
Leider befindet es sich im Krieg.
Ich habe viel erlebt dort und ich habe mich sehr verändert.
Viele deutsche Soldaten gehen nach Afghanistan und noch viel mehr Soldaten anderer Nationen. Die Deutschen blieben anfangs sechs Monate, mittlerweile vier, manchmal nur zwei oder drei Monate, im Durchschnitt waren zu gleicher Zeit 2000 bis 5000 deutsche Soldaten dort. Das Ganze seit zehn Jahren und ohne die Spezialkräfte mitzuzählen wie das Kommando Spezialkräfte aus Calw, die KSK, deren Aufenthaltsort immer geheim ist und deren Anwesenheit oft zu Unrecht abgestritten wird. Man kann also leicht und ohne gefälschte Statistiken zu bemühen, feststellen, dass die Anzahl derer, die als Soldat in Afghanistan waren, sich im sechsstelligen Bereich bewegt.
Allein an Deutschen, versteht sich.
Dennoch habe ich mir ein paar Statistiken angesehen. Sie bilden deutsche Soldaten mit posttraumatischer Belastungsstörung ab und im Durchschnitt dieser Statistiken wird die Anzahl mit unter dreihundert beziffert.
Das soll ich glauben? Von über hunderttausend Soldaten, die im Krieg waren, machen sich nur etwas mehr als zweihundert Gedanken von einer Art, die sie nicht bewältigen können?
Was soll ich davon halten?
Bringt unser Land nunmehr nur noch abgebrühte Menschen hervor?
Oder sind wir die Vollprofis im Kriegsgeschäft geworden? Wann wäre das geschehen? Diese Entwicklung wäre dann vollkommen an mir vorbei gegangen und auch in meinen Einsätzen habe ich nur wenig Professionalität bemerkt.
„Einmal mit Profis arbeiten“, so haben wir scherzhaft oft gestöhnt, es aber im tiefsten Inneren ernst gemeint.
Nein, den Zynismus mal beiseite.
Die Wahrheit ist wohl vielmehr, dass niemand sehr viel weiß über diesen Afghanistaneinsatz.
Niemand weiß, wie es dort ist, wie es sich anfühlt und nur Wenige scheint es zu interessieren, nur Wenige wissen aber auch, wie viele ihrer Mitbürger, ihrer Nachbarn davon betroffen sind.
Warum diejenigen, die diesen Einsatz verantworten, darüber kaum Informationen an die Öffentlichkeit dringen lassen, darüber kann ich nur spekulieren und ich lasse es sein.
Warum aus der Truppe kaum Informationen nach außen dringen, das weiß ich ziemlich genau.
Es ist zum Einen die wohl irrige Annahme, dass es niemanden interessiert und zum Anderen die Angst vor Nachteilen, wenn man erzählt.
Die Angst ist berechtigt.
Da sind nicht nur viele Vorschriften zu berücksichtigen. Es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen, warum es so viele Vorschriften geben muss, aber es gibt sie und es gibt viele Dinge in jedem Militär, die Sicherheitsbestimmungen unterliegen und über die man Schweigen bewahren muss.
VSnfD. Verschlusssache, nur für den Dienstgebrauch. Jeder deutsche Soldat kennt das und wir haben gelernt, es zu beherzigen. Missachtung von Vorschriften ist ein Dienstvergehen und das bringt uns nicht weiter.
Davor haben wir auch keine Angst. Weil wir es nicht tun. Gar nicht in Betracht ziehen. Wir sind loyal. Wir sind unserem Dienstherren so loyal gegenüber wie ein Kind den Eltern. Jeder weiss, was man einem Kind antun muss, wie sehr und wie oft man es mißhandeln muss, damit es aufhört, seine Eltern zu lieben.
Unsere Gefühle stehen nicht unter Verschluss und über sie dürfen wir reden.
Nur, was passiert, wenn wir genau das tun?
Nur mühsam und langsam bis gar nicht scheint die alte Vorstellung aufzuweichen, ein Soldat muss ein Haudegen sein, darf keine Gefühle zeigen.
Noch immer haben Begriffe wie „weinen“ und „Tränen“ nichts im Soldatenberuf verloren.
Derartige Gefühlsbekundungen werden mit Worten, die nicht nett gemeint sind, abgetan. Sentimentalität, wenn man Glück hat. Weichei, wenn nicht.
Damit nicht genug. Es würde nicht nur leichte Irritationen auslösen, sondern handfeste Nachteile.
Karriereknick.
Nicht, weil man nicht loyal ist, sondern weil man zu weich ist.
Mit der Diagnose „Posttraumatisches Stresssyndrom“ ist die Karriere am Ende.
Entlassen dürfen sie einen nicht so einfach, können sie nicht und wollen sie ja auch nicht. Sie brauchen ja Soldaten, haben ja mittlerweile zu wenig, die bereit sind, freiwillig nach Afghanistan zu gehen und seit der Abschaffung der Wehrpflicht überhaupt noch mehr Probleme mit der Nachwuchsgewinnung als zuvor.
Es war ein alter Witz unter uns in Afghanistan, immer wenn wir etwas tun wollen, von dem wir wussten, es war nicht ganz vorschriftenkonform, so lachten wir und sagten sarkastisch: „Was wollen sie uns tun, heimschicken?“ und taten das Verbotene und wurden nicht erwischt und wenn, nicht heimgeschickt.
Es ist nicht so einfach, nach Hause geschickt zu werden aus Afghanistan, wenn man ein deutscher Soldat ist, genauso wenig wie nicht hingeschickt zu werden.
Das gelingt nur mit der vom Psychiater gestellten richtigen Diagnose.
Eine weitere Karriere oder gar eine Beförderung hat sich damit erledigt.
Ernennung zum Berufssoldaten auch.
Einsatz als Batallions-Kommandeur erst recht.
Es gibt dann nur noch Querverschiebungen. Kein Weiterkommen mehr.
Bei der Bundeswehr wie überall wollen Arbeitgeber als Mitarbeiter am liebsten sehr junge Leute, belastbar, biegsam, noch formbar und natürlich preiswert, gerne Marathonläufer, drahtig, knackig, sportlich, aber mit der Lebenserfahrung und Gelassenheit eines Fünfzigjährigen. Beseelt von der Loyalität eines Resistance-Kämpfers. Und natürlich ungebrochen, emotional stabil wie ein Nilpferd. Obwohl ich höre, dass diese Riesentiere in Wahrheit sehr sensibel sind. So stellt man sie sich nicht vor, nicht wahr?
Aber wen haben wir da in der Realität im Einsatz in Afghanistan?
Junge Menschen, ab achtzehn Jahren aufwärts.
Ich hatte immer eine Frage parat, um die jungen Soldaten einzuschätzen, wenn sie in den Einsatz kamen.
„Wer hat vor deiner Bundeswehrzeit täglich dein Bett gemacht?“
Und ich freute mich, wenn ganz selten mal einer nicht antwortete: „Meine Mutter.“
Soldaten können es sich nicht leisten, das zu tun, was ich für so wichtig erachte.
Der Bevölkerung erzählen, wie es dort ist im Krieg. Unserer Mitbevölkerung, den Menschen, mit denen wir leben.
Natürlich könnten wir auch Tagebücher schreiben und in Zeitkapseln in der Erde eingraben, damit sie in ein paar hundert Jahren gefunden werden und die dann lebenden Menschen sagen werden, guck mal, da schreiben unsere Vorfahren aus einer Zeit, in der es noch Kriege gab. Schön blöd waren die damals.
Ja, schön blöd wäre das und wie viel besser, wenn wir uns jetzt mit dem auseinandersetzten, was jetzt in unserer Welt geschieht.
So viele Geschichten habe ich gehört im Laufe meiner Bundeswehrzeit und auch danach.
So viele Geschichten, die es so sehr verdient hätten, dass mehr Menschen davon wissen, als nur ich und ihre unmittelbare Umgebung.
Damit Menschen heute wissen, wie es sich anfühlt im Krieg. Damit sie sich eine Meinung bilden können, in den Dialog eintreten können mit unseren Politikern und diese dann mit den Politikern der anderen Nationen.
Es ist doch ganz einfach. Wenn man mal ein wenig naiv sein dürfte, könnte man überlegen, ob es vielleicht andere Lösungen geben würde, wenn die Kinder unserer hohen Politiker in den Krieg ziehen müssten. Wenn Frau Merkel und Mister Obama Söhne hätten und sie müssten sie nach Afghanistan schicken, vielleicht würde dann die Weltgeschichte anders aussehen.
Man kann verstehen, wenn Soldaten Vorbehalte haben, über ihre Zeit in Afghanistan oder in anderen Auslandseinsätzen zu berichten.
Aber es ist traurig, dass die breite Masse so wenig davon weiß.
Bestenfalls ist man über politische Vorgänge informiert. Soweit Informationen hier gegeben werden und soweit diese Informationen richtig sind und vollständig.
Aber was weiß der Bürger davon, wie es in so einem Lager ist.
Wie es sich anfühlt, dort zu leben, zu wohnen, monatelang Truppenverpflegung zu essen.
Letzte Nacht hatte ich einen Traum. Ich träumte, ich sei im Gefängnis. Eingesperrt. Ich wusste nicht, warum, aber ich träumte, wie es war.
Es war nicht schön.
Ich war von so vielem abhängig, mal davon abgesehen, dass ich nicht raus durfte.
Obwohl der Traum nun im Laufe des Tages bereits ein wenig verblasst ist, so sehe ich noch die nackte weiße Wand vor mir, an die ich Tage und Wochen lang starrte, weil ich nichts anderes zu tun hatte.
Schweißgebadet wachte ich auf und überlegte, was das sollte, wo dieser Traum hergekommen war und ob ich einen Film gesehen oder ein Buch gelesen hatte, das mir diesen Traum beschert hatte.
Ich bin geneigt, zu glauben, dass es die Realität meines Lebens ist, die mir diesen Traum eingab.
Die Wahrheit meines vergangenen Lebens, die ich abgeschottet habe tief in mir und die mir mein Unterbewusstsein so zugänglich macht, wie es glaubt, dass ich es aushalten und verarbeiten kann.
Ich habe fast zwei Jahre meines Lebens in diesen Lagern in Afghanistan verbracht.
Viele Deutsche haben während des Zweiten Weltkrieges und danach Zeiten oder das Ende ihres Lebens in anderen Lagern verbracht und im Vergleich zu ihnen geht es mir gut
Dennoch.
Hat sich schon mal jemand Gedanken darüber gemacht, wie es ist, sechs Monate ohne Sex zu leben.
Natürlich ist das gerade bei Soldaten, viele junge, kräftige Männer in der Blüte ihres Lebens, ein Thema.
Unter Kumpels und Kameraden ist es ein Thema, in der deutschen Öffentlichkeit nicht
Natürlich werden in so einem Einsatz Bande geknüpft. Meistens mit der Sanität, wegen des hohen Frauenanteils.
Manchmal geht es nur um Sex und man muss sich wundern, wie sportlich es auch die jungen Frauen heutzutage sehen. Manchmal kommt aber auch Verliebtheit ins Spiel, manchmal Liebe und über allem die Ungewissheit, was ist erlaubt, was verboten, und was tut man trotz allem und vor allem, wo.
Darüber redet in der Öffentlichkeit keiner und darüber will auch niemand reden, der es erlebt hat.
Lange Rede, kurzer Sinn.
Weil es nicht immer geht, das Soldaten life berichten, es aber auch nicht stimmt, dass es niemanden interessiert, im Gegenteil, die Öffentlichkeit scheint darauf zu brennen, mehr zu erfahren, deshalb habe ich diese folgende Geschichte von Kristina erfunden.
Ausgedacht habe ich mir dabei den Namen.
Geändert habe ich manche Orte und Zeitabläufe.
Und ich habe Geschichten von verschiedenen Menschen, die ich kenne oder kannte, zusammengefügt und das eine oder andere Detail erfunden.
Alles andere ist authentisch.
Die Beschreibungen der Orte sind so, wie ich es erlebt habe in Kabul, Kunduz und Feyzabad.
Es gab eine Schwimmerin aus dem ehemaligen Osten bei der Bundeswehr, so wie es viele junge Soldatinnen gibt, die aus den neuen Bundesländern stammen, die sich, weil sie dort keine Arbeit bekamen und keine Zukunft sahen, bei der Bundeswehr verpflichteten.
Meistens schließen sie sich dem Sanitätsdienst an, oft werden sie Krankenschwestern.
Immer werden sie je nach dem Pegel des Mitgefühls ihrer Kameraden und der Stärke ihres Akzentes als “Ossis” zum Angriffsziel für mehr oder weniger liebevollen Spott.
Es gab eine junge Frau, die sich in einen verheirateten Soldaten verliebte und damit über Jahre hinweg unglücklich wurde.
In Wahrheit gibt es nicht nur eine, es gibt in großer Anzahl Frauen und Männer, die sich im Einsatz in neue Beziehungen verstricken, die hinterher dem Alltag in Deutschland nicht standhalten.
Natürlich gibt es auch einige, die sich im Einsatz kennen und lieben lernen und auch später zusammen blieben.
Spontan kann ich mich an drei solche Pärchen erinnern.
Natürlich wollen sie nicht öffentlich davon berichten.
Eine von ihnen wurde im Einsatz schwanger und weil sie zwei Wochen später sowieso nach Hause geflogen wäre, haben wir uns im kleinen Kreis der engen Freunde um sie herum dazu geeinigt, es geheim zu halten. Sie wäre übel bestraft worden, sie gehörte einer anderen Nation an und hatte sich in einen deutschen Soldaten verliebt, schlimmer, sie hatte kombattiert und das mit Folgen. Ihr Land hätte sie auf jeden Fall unehrenhaft aus dem Militär entlassen. So blieb es unter uns und nachdem unser Soldat nach Hause zurückgekehrt war, holte er sie nach Deutschland und heiratete sie. Leider habe ich sie aus den Augen verloren, so dass ich nicht weiß, ob sie glücklich blieben. Damals waren sie es.
Andere waren es nicht, so wie meine Protagonistin. Viele Soldaten verwechseln sexuellen Notstand mit Liebe, beginnen, Ansprüche zu stellen und vergessen dabei, dass in Deutschland Ehepartner sind, Verbindungen, die sich am Ende oft als stärker erweisen als ein Techtelmechtel im Einsatz.
Aber man ist so weit weg von dem Leben in Deutschland, dass man den klaren Blick verliert.
Besonders bei den Männern scheint es so zu sein und die weiblichen Soldaten wären gut beraten, sich altmodisch zurückzuhalten.
Der Frauenanteil ist sehr klein. Auf 2000 männliche Soldaten kommen vielleicht 20 Frauen.
Ein Pilot erhielt einmal eine disziplinarische Maßnahme, obwohl er die Wahrheit gesagt hatte. Bei der Landung in Deutschland, die Maschine voll mit Soldaten bei der Rückkehr aus Afghanistan, sagte er über den Bordfunk: „Und die Damen unter Ihnen, vergessen Sie nicht, dass Sie nun wieder zwei Ligen tiefer spielen!“
Wie gesagt, er wurde bestraft, aber die Wahrheit war es doch.
Wenn man mit einem Schiff auf einer einsamen Insel strandet, diese Fernsehserien gibt es ja en masse, lässt man sich ja auch auf einmal mit Menschen ein, die man daheim nicht mal mit dem Hintern angesehen hätte. Weil kein anderer da ist.
So ist es mit den wenigen Frauen im Einsatz auch. Mangels Masse rücken sie mindestens eine Liga auf. Wer in Deutschland als nicht so hübsch und von guter Figur gilt, kann hier aufblühen und wird eine Beachtung erfahren, die sie in Deutschland, als eine unter vielen, nie kennen lernen wird.
Ich finde, man müsste viel mehr über Sex im Auslandseinsatz reden und müsste das Thema in die Vorausbildung mir aufnehmen.
Dazu aber würde wohl mehr gehören. Dazu müsste man sich an höherer Stelle auch mal in eine andere Liga begeben.
Auch die Verknüpfung zum Zweiten Weltkrieg ist uns kein fremder Gedanke mehr und ich habe die Beziehungen zu den alten Männern in den Nachbargärten über den Gartenzaun hinweg wieder aktiviert und stundenlang zugehört, wie sie aus dem Krieg erzählten und von der Gefangenschaft und sah es mit ganz anderen Augen als früher, verstand auf einmal, warum sie so oft und immer wieder darüber reden wollten.
Tante Lenchens Geschichte ist in groben Zügen die meiner eigenen Großmutter.
Die Witwen dieses Afghanistankrieges, die gibt es in immer größerer Anzahl und natürlich wollen sie nicht darüber reden.
Für sie ist es wohl schlimm genug, dass der Mann, der Partner, der Vater ihrer Kinder nicht mehr da ist.
Da braucht man keine Presse am Bein.
Und so habe ich all die vielen, und es gäbe noch viel mehr, Geschichten zu einer verwoben.
Damit sich der Leser ein Bild davon machen kann, wie es sich anfühlt, dieses Leben als Soldat, der in den Einsatz nach Afghanistan geschickt wird.
Wie es einige von uns erleben. Was es mit uns macht. Gerade mit uns Frauen. Wie es ist, die Kinder daheim zurück zu lassen, wenn man in den Einsatz geht, wie es ist, den geliebten Mann in den Einsatz aufbrechen lassen zu müssen, wie es ist, sich dort zu verlieben.
Wie nüchtern man manchmal sein muss, um für sich zu überleben.
Wie pragmatisch und wie taub man sich stellen muss, damit man es aushalten kann.
Andere erleben es anders, aber niemand kehrt nach Hause zurück, ohne sich verändert zu haben, das kaufe ich niemandem ab.
Man verändert sich ja schon im Urlaub in Kenia, wenn man dort in der Lodge sitzt und Erdbeeren isst und auf Safari geht und die „Großen Fünf“, die wilden Tiere Afrikas, in freier Wildbahn beobachtet und fotografiert und neben dem Zaun, der die Lodge umgibt, sterben Kinder vor Hunger und an Krankheiten, die es in Europa gar nicht gibt und wenn man genau hinsieht, so ist der Fahrer auf der Safari bis an die Zähne bewaffnet und auf einen Spruch in sein Funkgerät kommen in Windeseile noch mehr bewaffnete Männer herbei.
Wenn man nach Bangkok fährt, kann man die Prostituierten an jeder Straßenecke stehen sehen.
Manche unserer beliebten Urlaubsländer haben neben blauem Himmel, Sonne und Strand eine riesige Arbeitslosenquote, in manchen ist häusliche Gewalt an der Tagesordnung.
Wenn man genau hinsieht, so verändert einen jede Reise.
Egal, wohin.
Warum also sollte sich jemand, der in Afghanistan war, nicht verändern, seinen Horizont nicht erweitern, als derselbe nach Hause zurückkehren, als der er abgereist ist. Ist das denn nicht der Sinn jeder Reise, jeder Urlaubsreise? Dass man anders zurückkommen will, als man losgefahren ist und sei es auch nur ausgeschlafen und gut erholt?
Das kann mir keiner erzählen, dass jemand in Afghanistan war und sich nichts in ihm bewegt hat.
Meine Kristina, die ich erfunden habe und die ich einige der Geschichten erleben lasse, die ich im realen Leben beobachtete, geht pragmatisch mit ihrem Leben um. Das ist bezeichnend für viele Soldaten. Sie versucht einfach nur, ihre Arbeit zu tun und ihre Kinder groß zu ziehen. Für Sentimentalitäten hat sie keine Zeit und sie kann sich auch keine Schwächen leisten, kann sich als Soldat und auch als Mutter nicht erlauben, weich zu sein. Sie bemerkt, dass sie sich verändert hat, aber sie hat keine Zeit und vor allem hat sie keine Kapazität dazu, sich mit ihr selbst zu beschäftigen. Ihr Leben nimmt sie voll in Anspruch. Bis ihr Körper endlich Einhalt gebietet, bis er ihr Symptome bietet, die ihre Lebensqualität so einschränken, dass Kristina sie nicht länger ignorieren kann und will.
Bis hierher reflektiert sie leider einen nicht geringen Anteil der Einsatzsoldaten. Und täglich werden es mehr.
Aber lesen Sie selbst.

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