– Leseprobe


Wie viele solcher Geschichten könnte man wohl erzählen? Eine Menge, und was wäre damit schon getan? Man könnte Tausende erzählen, und sie würden keinen Krieg verhindern…
…Es kommt darauf hinaus, oder es endet damit, dass man dabei bleibt, bis man schwerverwundet oder getötet oder verrückt wird und mildernde Umstände bekommt…
…Es hinterläßt jedoch einen Stamm von „ungetöten Personen“, die wissen, wie die Zeche aussieht…
Ernest Hemingway

Leuchtende Tage.
Nicht weinen, weil sie vorüber, sondern lächeln, weil sie gewesen.
Rabindranâth Tagore

FRAGMENTE

An seinen besten Freund richtete er eines Abends eine Bitte. „Ich muss weg, nur kurz, aber doch immerhin und du musst etwas für mich erledigen.“ Sein Freund wusste als einer von wenigen von der Schwangerschaft Kristinas und auch, dass die Geburt kurz bevorstand. „Scheiße. Muss das sein?“ Er fragte wider besseres Wissen und erwartete keine Antwort. „Ok. Was soll ich tun?“ Andreas erklärte es ihm. Der Freund hörte zu, wurde unruhig. „Mensch, bist du bescheuert? Das geht doch nicht. Das kann ich doch nicht machen.“ „Und warum nicht? Für wen habe ich mich nicht schon alles ausgegeben und das auf allerhöchsten Befehl?“ Der Freund wurde nachdenklich. Dann er legte Andreas eine Hand auf die Schulter. „Ok, ich werde es tun, wenn es notwendig ist. Aber vielleicht bist du ja rechtzeitig zurück.“ „Ja vielleicht. Hoffentlich.“ Sie sprachen nicht weiter darüber, der Freund stellte keine Fragen mehr, das hatte er nie getan und würde jetzt nicht damit anfangen.

///

Ich habe die Farben weggepackt, die Staffelei in den Keller gestellt, aber es ließ mir keine Ruhe. Ich holte alles wieder hervor, versuchte es erneut. Ein gelbes Weizenfeld mit roten Mohnblumen, die sich zart im Wind verneigen, so wie ich sie von früher in Erinnerung hatte. Der Geruch des Sommers, der mit dieser Erinnerung verbunden sein sollte, stellte sich nicht ein.
Ich hielt das Bild vor den großen Spiegel im Badezimmer und sah hinein.
Wie die böse Fee gesagt hatte, zeigte er graue Blumen vor einem grauen Himmel.
Da nahm ich die Farbe und malte die roten Blumen direkt auf den Spiegel.
Sie wollten trotzdem nicht leuchten für mich, sie blieben stumm, den Sommer verkündeten sie mir nicht.
Als die Kinder von der Schule nach Hause kamen und sagten: „Mama, der Spiegel sieht aber schön aus!“ freute ich mich nicht, sondern schämte mich.
Was sollten sie von mir denken? Ihre Mama bemalte Spiegel, wenn sie nicht zu Hause waren.
Ich ging mit ihnen in den Garten, hinaus in die Sonne, die Wärme, das Licht. Auch wenn ich es nicht fühlen konnte, sie sollten es nicht missen.

///

Jetzt ist er sowieso weg und ich bin allein mit Peter und Paul und wir müssen sehen, wie wir klar kommen.
Wie man das allerdings in einen Lebenslauf einfügt, ist mir vollkommen schleierhaft.
Verlassen worden vom Ehemann.
Ich weiß nicht, warum.
Ich weiß nicht einmal, wo er ist.
Schreibt man das so?
Interessiert das die Leute, für die man den Lebenslauf schreibt?

///

Cindy, das spricht man bei uns Zindi mit Z am Anfang und ich fand, dass er vielleicht doch gar nicht mal so Unrecht hatte. Ich war froh gewesen, dass meine Eltern mir einen deutschen Namen gegeben hatten, auch wenn das vielleicht das Einzige war, von dem ich froh war, das sie es getan hatten.
Bei der Bundeswehr war ich damit nicht gleich als Ossi aufgefallen und ich hatte mir auch große Mühe gegeben, meinen Akzent abzulegen.
Ich war mit dem Gedanken aufgewachsen, dass es erstrebenswert ist, in den Westen zu gehen und dass ich es irgendwann einmal tun würde.

///

Die Russen kommen – es war ein Ausdruck, der zunächst geflüstert wurde, leise, misstrauisch, hinter vorgehaltener Hand, nachdem man sich vergewissert hatte, dass man nicht beobachtet wurde. Dann wurden die Stimmen lauter, die Worte deutlicher zu hören. Schließlich hörte man sie auch von offizieller Seite und dann, eines Tages, es war der 20. Januar 1945, stand der Parteiwart bei Helene vor der Tür und erklärte ihr, alle Kinder und Frauen hätten die Stadt zu verlassen.
Lenchen, die sieben Kinder hatte und nicht wusste, wo genau in diesem verfluchten Krieg ihr Mann war, hatte erst nicht gehen wollen. Woher sollte ihr Mann wissen, wenn er aus dem Krieg zurückkam – falls er zurückkam – wo sie war?

///

Auch der Flugplatz lag unter Feindbeschuss und auf Befehl des Gauleiters errichteten polnische Zwangsarbeiter und die deutschen arbeitsfähigen Frauen, die hatten zurückbleiben müssen, in harter, Tag und Nacht andauernder Knochenarbeit eine neue Landebahn mitten in der Stadt, für welches Vorhaben ganze Straßenzüge einschließlich der Luther-Kirche, wo Tante Lenchen geheiratet hatte, von der deutschen Wehrmacht in Schutt und Asche gesprengt wurden.
Eine kriegsrelevante Bedeutung erlangte die Landebahn nicht. Man erzählt, dass nur ein einziges Flugzeug je darauf abhob. Das des Gauleiters, der sich unmittelbar vor dem Fall der Stadt darauf mit einem kleinen Flugzeug aus dem Staub machte. Absetzte, wie es damals hieß.

///

Ja, meine Großtante Lenchen, die hatte was zu erzählen bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen ich sie sah. Vor der Wende hatten wir ja nicht rausgedurft aus dem Osten. Nur die Oma, die bekam einmal im Jahr eine Genehmigung, sie besuchen zu dürfen, weil sie schon über fünfundsechzig war und man es als sicher ansah, dass sie zu uns zurückkommen würde.
Was sie auch jedes Jahr tat. Sie wollte nicht, dass wir ihretwegen Ärger bekamen, verhört oder gar verhaftet wurden. So kehrte sie immer wieder zu uns zurück, nur, dass sie dann noch übellauniger war.
Erzählte von Bananen und Orangen und mäkelte, dass Tante Lenchen und Tante Eva ruhig mal öfter ein Paket schicken könnten, so gut wie es ihnen dort ginge.
Haderte mit dem Schicksal und meine Eltern haderten mit ihrem, damit, dass sie die alte grantige Frau ertragen mussten und doch selbst genug Sorgen am Hals hatten und ich haderte, weil ich mittendrin leben und mir das alles anhören musste, und ich konnte nicht weg.

///

Zu Hause waren sie verschiedener Meinung. In einem waren sie sich jedoch einig. Ich sollte nicht weg gehen.
“Mädchen bei der Armee, das schickt sich nicht“, sagte meine Oma. Auch wenn es mich in den Westen bringen würde. Ich solle mir lieber einen anständigen Mann suchen, so sagte sie. Einundzwanzig und unverheiratet, das schickte sich auch nicht.
Und welcher Mann wolle schon so ein Mannsweib zur Frau haben, eine Soldatin?
So würde ich eine alte Jungfer werden oder eine Schlampe. Was schlimmer wäre, sagte sie nicht.

///

Der Zugführer sagte, das käme überhaupt nicht in Frage, wenn sie die Grundausbildung abbrächen, hätten sie nicht bestanden und das wollten sie sicher nicht und außerdem sagte er natürlich, wir wären selbst schuld.
Wir hätten das Zelt nicht ordentlich gebaut, den falschen Platz ausgesucht, und wir hätten wohl wieder mal nicht zugehört.
„Frauen bei der Bundeswehr, das war ein großer Fehler“, so sagte er. Und „Lernen durch Schmerzen“, das müßten wir nun.

///
„Immerhin ist das hier kein Grundkurs für Wehrdienstleistende, sondern eine Grundausbildung für zukünftige Zeitsoldaten, da kann man doch wohl ein gewisses Niveau verlangen“, wetterte der Zugführer beim Antreten in Würdigung unserer „beschissenen“, wie er sagte, Leistung des Tages.

///

In dieser Nacht bekam Jessica verfrüht ihre Tage und keine von uns hatte Tampons oder Binden dabei. Ich war einmal im Leben schlau gewesen, hatte mir genau aus diesem Grund vor der Grundausbildung die Pille verschreiben lassen und wenn ein Biwak oder etwas ähnliches anstand, nahm ich sie durch, ließ die monatliche Pause und damit die Regelblutung einfach aus.
Jessica bekam einen hysterischen Anfall, der Zugführer auch, als er ihre blutverschmierte Hose sah.

///

Hier war es, wo Jan, nachdem er Musik gemacht hatte, zu der alle getanzt hatten und nachdem alle anderen betrunken waren und es ihnen egal war, dass er einfach eine Kassette eingeschoben hatte, die nun von alleine weiterlief, hier in diesem Garten unter einem der Bäume war es, wo er mich in den Arm nahm und küßte.Ich wunderte mich darüber, wunderte mich, dass es passierte und wunderte mich, dass es mir gefiel und wunderte mich noch mehr, als er mich an der Hand nahm, in das Haus führte in ein Zimmer, das leer stand und darin stand ein großes Bett und er zog mich darauf nieder und knöpfte meine Uniformbluse auf und dann schlief er mit mir, sanft, behutsam, zärtlich.

///

Wir sprachen auch über Liebe und er sagte, dass er mich liebte. Ich sagte es nicht, denn ich wusste es nicht.
Andreas hatte ich geliebt und danach hatte ich über Liebe nicht mehr nachgedacht.
Trotzdem, ich hatte ihn sehr gern, und wenn er mich in manchen Nächten nicht treffen konnte, so vermißte ich ihn.
Als er mir eines Tages erzählte, dass er verheiratet sei und zwei kleine Kinder habe, dachte ich an meine Oma und dass die Kerle alle gleich sind und wunderte mich wieder nicht.
Und falls man hätte erwarten können, dass mir das Herz brach, so tat es das nicht.

///

Unsanft rüttelte mich jemand an der Schulter, klopfte mir auf die Wange und sagte: „Kristina, wach auf!“
Kristina also. Das musste ich sein.
Wer zum Teufel war Kristina?
Es kam mir bekannt vor, aber es fühlte sich nicht wirklich an, nicht wirklich wie ich.

///

Eines Tages musste sie heim, es war zu viel für die Oma und auch die Zenkersche hatte angefangen, langsam zu meutern, jeden Tag die viele Kocherei und die Jungs sind ungezogen und ärgern die Katze und niemand wird Herr über sie.
Anfangs ging es noch, aber dann hatten die Jungs ein Feld abgebrannt und das Dorf verlangte danach, dass die häusliche Ordnung wieder hergestellt wurde.
Sie hatten es nicht mit Absicht getan, natürlich nicht, und fast musste ich bei aller Benommenheit und allen Schmerzen lachen, als ich es mir bildlich vorstellte.

///

„Mein Gott, Kristinchen, das ist doch das Letzte, über das du dir Gedanken machen sollst. Natürlich werde ich dir das bezahlen. Mach dir keine Sorgen darüber, ich kann es mir leisten. Mein Mann verdient sehr gut und er wird mir gerne diesen Gefallen tun. Ich weiß, du kennst mich nicht sehr gut, aber das macht nichts.
Wir sind eine Familie und Blut ist dicker als Wasser, das durfte ich auch einmal erfahren in meinem Leben. Nun kann ich es vergelten und das ist ein schöner Gedanke. Am Ende des Lebens wird es wichtiger, Gutes zu tun und gut zu sein, weißt du, Kristina.
Ich wäre in meinem Leben gerne fromm gewesen, aber ich konnte es nicht, obwohl ich es immer wieder versucht habe. Nun frage ich mich manchmal, wie ich dem Tod entgegentreten soll ohne den Trost der Religion. Oft denke ich, es wäre leichter, zynisch zu sein, aber dazu fehlt mir wohl der Witz und der Esprit. So muß ich mich damit begnügen, zu versuchen, ein guter Mensch zu sein und vielleicht ist das ja auch gar kein schlechter Gedanke. Aber was quatsche ich dich hier voll“, gab sie sich einen Ruck und wurde praktisch.

///

Ich starrte sie erstaunt an. Hatte sie nicht verstanden, was ich gesagt hatte? Erkannte sie nicht, dass sie einer Mörderin gegenüber saß?